Zwischen Natur und Kultur

Zwischen Natur und Kultur

Monia

Von Monia

monias.org

Die Balance aus dem, was die Natur von sich aus hervorbringt (Natur) und dem, was wir Menschen erschaffen (Kultur) ist für ARLINA wesentlich. Unsere Inspirationen finden sich auf der Achse „Blick aus dem Fenster“, Philosophie und den nativen Wissenschaften. Hierbei sind wir besonders beeinflusst von Andreas Weber als Naturphilosophen und Gregory Cajete, der das Wissen von nativen Völkern an Hochschulen etabliert und eine Native Science* entstehen lässt. Insgesamt sind wir überzeugt, dass es hächste Zeit ist, von den Völkern zu lernen, die schon lange überleben und das mit der Nachhaltigkeit offenbar können, im Gegensatz zu den „zivilisierten Welten“, die zyklisch untergehen.

Wir teilen die Einschätzung von Andreas Weber, dass alle Organismen – nicht nur Menschen – subjektive Erfahrungen machen und einen inneren Wert haben (enlivenment). Wir sind nicht getrennt von der Natur, sondern Teil von ihr. Weber betont die tiefe Verbindung und Interdependenz aller Lebensformen. Für ihn ist die Natur kein bloßes Objekt unserer Betrachtung oder Nutzung, sondern ein dynamisches, lebendiges Netzwerk, in dem jeder Teilnehmer eine wichtige Rolle spielt (Interbeziehung). Er spricht oft von der „Poesie“ des Lebens und betont die Schönheit, Kreativität und das Mysterium, die in der Natur inhärent sind – und damit auch in uns (Biopoetik). Der Begriff der Wildheit (wilderness) beschreibt in diesem Kontext kein Chaos, sondern im Gegensatz einen wesentlichen Aspekt des Lebens und der Natur. Er sieht in der Wildheit einen Zustand, in dem das Leben sich selbst organisiert und entfaltet, ohne menschliches Eingreifen. Diese Eigenständigkeit und Unabhängigkeit der Natur ist für Weber ein wertvoller und respektabler Aspekt der natürlichen Welt.

Für uns heißt das, dass auch wir uns auf unsere Wildheit mehr verlassen können und auf unsere organische Verbindung zu allem Lebendigen. Es geht darum, einen Weg zu finden, um mit der natürlichen Welt in Harmonie zu leben, sowohl innerhalb als auch außerhalb von uns selbst. Es geht darum, einen gesunden und respektvollen Umgang mit der Wildheit in uns und um uns herum zu finden**.

Soweit so gut. Doch dann kommt der Projektalltag und wir stellen am Konkreten immer wieder fest, wie schwer es uns fällt, die reine Gedankenebene zu verlassen und uns der natürlichen Realität zuzuwenden. Teilweise sind wir schon fast genervt voneinander, wenn wir uns daran erinnern, dass unser Ziel ist, mind. 20% Natur zu repräsentieren – im Design, der Musik, den Themen etc.

Wir stellen fest, dass unsere Vorstellungen von Natur nicht so wahnsinnig viel mit Natur zu tun haben. Bei der Arbeit an den ARLINA-Islands z.B. waren wir zunächst ziemlich glücklich mit unserem Design, bis wir festgestellt haben, 100% Kultur. Alles in den Zeichnungen ist Mensch-gemacht, Mensch-gepflanzt. Dann haben wir uns diszipliniert, die echten Farben und Formen als Vorbild zu nehmen und hatten zunächst das Gefühl, dass das alles falsch sei und Menschen niemals motiviert sein könnten, sich in einer solchen Umgebung aufzuhalten.

Ähnliche Erfahrungen haben wir gemacht, als wir die Farben für das ARLINA-Design gewählt haben. Unser Kopf ist voller Dar- und Vorstellungen von Natur, die mit der Realität so wenig zu tun haben, dass wir die reale Natur als solche kaum noch erkennen. Auch tendieren wir dazu, ländliche Regionen mit Natur zu verbinden, was natürlich nicht stimmt. In Deutschland sind die größten Teile der ländlichen Regionen Fabriken für die Fütterung von Tieren, Menschen und Biogasanlagen. Wir kennen den Unterschied zwischen einer Baumproduktionsanlage und einem europäischen Urwald kaum. Wie unsere Welt ohne menschliche Eingriffe wäre, wissen wir gar nicht mehr.

Wir wissen, wie Nutztiere in Realität gehalten werden und haben doch Bilder von Kühen auf blühenden Weiden vor uns – wenn auch ein wenig im Kinderbuchstil, wenn wir unsere Fantasie genauer betrachten, was u.a. auch an den nachbearbeiteten Farben auf Fotos liegt.

Selbst bei der Musikauswahl für den Podcast hatten wir schnell das Gefühl, dass das Vogelgezwitscher vielleicht zu kitschig ist.

Hinzukommt, dass wir uns mit Zukunft befassen. Alle Suchmaschinen liefern uns sofort Roboter, digitale Welten, Großstädte, 100% Tech, 0% Natur – hauptsächlich Bilder aus Science Fiction Filmen, in denen wir unsere Wildheit, unser Natursein abgelegt haben. Unsere Zukunftsbilder, in denen Menschen ihren Platz in der Natur einnehmen, während Technologie die Harmonie zwischen dem Lebendigen unterstützt und nicht ablöst, erscheinen nicht bei der Suche auf Pixabay. Auch keine Ecovillages o.ä.

Wir bleiben also dran. Wir freuen uns über neue Technologien und begeistern uns für sie, sehen aber sehr genau hin, ob sie unserer Wildheit im Wege stehen. Wir disziplinieren uns dazu, immer wieder genau hinzusehen und hinzuspüren, die Lebendigkeit unserer Körper bewusst zu erleben und uns niemals dafür zu schämen, wenn wir mit einem Baum kommunizieren.

*Mehr dazu findet Ihr in unserer Videothek im Video Naturverbundenheit.
**Dieser Abschnitt wurde von ChatGPT geschrieben, weil uns das Freude macht, wenn sich KIs mit Naturverbundenheit befassen. Die Frage war, was Webers Wildheits-Konzept für uns als Menschen bedeutet.
Cajete, G. (1999): Native Science: Natural Laws of Interdependence. Clear Light Publishers.
Weber, A. (2016): Enlivenment. Eine Kultur des Lebens: Versuch einer Poetik für das Anthropozän. Matthes & Seitz Berlin.